2011 - Ein Kleid sollte nie die Persönlichkeit verdecken

aus MAZ (Silvesterausgabe 2011):

Karin Genrich über die passende Mode zu festlichen Anlässen und über Stil, der immer auch mit dem eigenen Selbst zu tun hat

Weshalb sie sich auch als „Frauenbeschützerin“ versteht, erklärt Karin Genrich,Präsidentin des Handelsverbands Berlin-Brandenburg und Boutiquenbesitzerin, im Gespräch mit Ildiko Röd.

MAZ: Silvester ist meist ein geselliges Ereignis. Was empfehlen Sie für diesen Anlass, aber auch für andere festliche Ereignisse, damit „frau“ sich passend präsentiert?

Karin Genrich: Es gibt eine goldene Regel, mit der eine Frau nie falsch liegt: Um schön zu sein, muss man sich wohl fühlen. Eine „Verkleidung“ – mag sie auch noch so edel sein – nützt gar nichts, wenn das Getragene nicht mit dem Inneren korrespondiert. Ein sicherer Tipp für eine geschmackvolle Kleidung ist nach wie vor „das kleine Schwarze“. Coco Chanel, die das „kleine Schwarze“ sozusagen erfand, hat einmal gesagt: „Ein Kleid sollte so sein, dass es niemals die Persönlichkeit verdeckt.“

Weniger ist also mehr?

Genrich: Genau. Ein guter Kompass, um einen modischen Faux pas zu vermeiden, ist oft auch die Einladungskarte. Auf ihr findet sich oft der Hinweis, wie man sich kleiden sollte. Von Business bis „Black tie“, das zum Beispiel nur bei ganz großen Galas oder Bällen angebracht ist: mit Smoking für die Herren und langen Kleidern für die Damen. An den vorgegebenen Dresscode sollte man sich halten, um sich Peinlichkeiten zu ersparen. Kürzlich sah ich eine sehr großgewachsene Dame, deren schwarzes Kleid zu kurz war und die beigen Strümpfe für diese Kombination eindeutig zu hell. Außerdem waren die Strümpfe – leider – durchsichtig.

Warum leider?

Genrich: Coco Chanel sagte einmal: Das Hässlichste an einer Frau sind ihre Knie. Und mit den Jahren werden sie sicher nicht schöner. Sehen Sie: Es ist alles eine Frage der Angemessenheit. Zum Beispiel sollte man ab einem bestimmten Alter besser darauf verzichten, Miniröcke zu tragen.

Und wie steht es mit hohem Schlitz im Kleid?

Genrich: Das ist manchmal sehr gefährlich, besonders wenn die Dame vorher die Körperbewegungen nicht mit einkalkuliert hat. Der Schlitz schlägt unweigerlich auf und enthüllt dann vielleicht mehr, als man möchte.

Nun zu einer weiteren Problemzone. Wie sieht Ihr Rat aus, wenn die Arme nicht mehr der Top-Hingucker sind?

Genrich: Oberarme, die nicht mehr hundertprozentig in Form sind, kann man gut mit Tüll oder einem ganz zarten Seidenstoff kaschieren, so dass man nur noch die Silhouette erkennt. Nur andeuten, lautet hier die Zauberformel. Genauso ist es mit dem Ausschnitt: Wenn Frauen glauben, alles in die Wagschale werfen zu müssen, ist das schade. Ein kleiner Schlitz am Dekollete genügt völlig.

Wieso predigen Sie die Zurückhaltung? Sollte man bei Festen nicht ordentlich auf den Putz hauen – auch modisch?

Genrich: Ich bin ja jemand, der Frauen beschützen möchte – vor allem vor kritischen Blicken. Oft sind Frauen bei festlicher Mode unsicher, sind obendrein noch unter Zeitdruck: „Oh Gott, diese Einladung – was soll ich nur anziehen?“ Wenn man dann in aller Eile in ein Geschäft rennt und dort nur oberflächlich beziehungsweise gar nicht ehrlich beraten wird, führt das unweigerlich ins Fiasko. Ich plädiere immer für Ehrlichkeit in der Beratung. Auch den Frauen rate ich, sich selbstkritisch daheim vor dem Spiegel zu hinterfragen. Ein Modell, das in der Modezeitschrift hinreißend ausgesehen hat, muss mich nicht vorteilhaft kleiden. Man darf keinem Idealbild oder Modediktat nachlaufen – Stil hat auch immer mit dem eigenen Selbst zu tun.

Dennoch gibt es neben Stil und Stilgefühl auch immer wieder Trends. Ein unverwüstlicher Trend sind zum Beispiel die Pailletten, die mancher Trägerin allerdings eher das Aussehen einer schillernden Christbaumkugel geben.

Genrich: Bei Pailletten ist es ganz wichtig, darauf zu achten, in welcher Qualität sie aufgenäht sind. Bei Billigware läuft man tatsächlich Gefahr, unförmig und überladen zu wirken.

Gibt es 2012 Trends, die besonders angesagt sind?

Genrich: In diesem Jahr kann man sehr gut Spitze tragen. Allerdings sollte man das aus Spitze gefertigte Kleidungsstück immer mit einem einfacheren Teil kombinieren: Spitzenrock mit schönem T-Shirt zum Beispiel. Ich empfehle ja oft, einen Stil zu „brechen“. Außerdem kann man einen zweiteiligen Dress mehrfach tragen und kombinieren, so dass sich die Anschaffung auch mehr rentiert.

Und gibt es Dinge, die gar nicht gehen? Sind etwa die angesagten Leo- und Schlangenmuster (Animal Prints) auch fest-tauglich?

Genrich: Heutzutage ist es so, dass es – sowohl bei Farben als auch bei Mustern – kaum mehr Tabus gibt. Pink kann zum Beispiel mit Orange kombiniert werden, was früher undenkbar gewesen wäre. Generell gilt: Man muss sich wohl fühlen in der eigenen Haut. Die Trägerin ist die Hauptperson, das Kleid schmückendes Beiwerk.

Gibt es einen generellen Schönheitstipp für festliche Anlässe?

Genrich: Ja. Schuhe, in denen man auch laufen kann. Viele Frauen „verbiegen“ ihre Füße regelrecht, um in schicke Schuhe mit Mörderstilettos zu passen. Wenn ein Abend dann aber nur noch ein Leidensweg ist, hat man nicht viel gewonnen.